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Die Mutter versorgt die Kinder, der Erzeuger zahlt. Oder nicht? Väter, die sich ein gleichberechtigteres Familienmodell wünschen, sind enttäuscht von Grünen und SPD – und setzen bei der Wahl auf die Liberalen.
Von Heike Klovert
18.09.2021, 12.15 Uhr

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Was brauchen Kinder, um gut aufwachsen zu können?


Bundestagswahl 2021: Diese Männer sind Mitglieder bei den Grünen, wählen aber die FDP

 

Anfang Juni hatte Stefan Dringenberg, 53, Vater und IT-Berater aus Essen, noch gehofft. Er hatte einen Antrag unterzeichnet, den er und einige andere Mitglieder der Grünen auf dem Bundesparteitag einbrachten. Es ging um ein Wort: »Alleinerziehende«. Dringenberg und rund 40 weitere Parteimitglieder wollten, dass es im Programm zur anstehenden Bundestagswahl um ein weiteres ergänzt wird: »Getrennterziehende«.

»Wer ist denn wirklich alleinerziehend?«, fragt Dringenberg. »Meistens ist da doch noch ein anderer Elternteil, der auch etwas beiträgt, selbst wenn seine Kinder nicht bei ihm wohnen.« Dieser andere Elternteil ist meist ein Vater, aber manchmal sind es auch Mütter. Selbst wenn sie sich kümmern, ihre Kinder häufig betreuen, vielleicht – so wie Dringenberg – vor Gericht erstritten haben, mit ihnen mehr Zeit verbringen zu dürfen: Dass stets nur von »Alleinerziehenden« die Rede sei, schließe diese Eltern vom öffentlichen Diskurs aus. »Ich verbringe 40 Prozent der Zeit mit meinem Sohn, aber politisch fühle ich mich überhaupt nicht wahrgenommen«, sagt Dringenberg.

 

Der Antrag wurde abgelehnt. Die Vorsitzende der Bundestagsfraktion, Katrin Göring-Eckardt, hielt die Gegenrede. »Ich bitte euch sehr, die besondere Situation von Alleinerziehenden nicht unsichtbar zu machen mit unserem Wahlprogramm«, sagte sie am 12. Juni auf dem digitalen Parteitag, ihre Rede steht noch auf YouTube.

Das war der Moment, in dem Dringenberg, Grünenmitglied seit 2020 und Vorsitzender eines Selbsthilfevereins für Trennungseltern, beschloss, seine Stimme auf der anstehenden Bundestagswahl nicht seiner eigenen Partei zu geben. »Ich habe resigniert«, sagt er. »Es ging doch nur um ein Wort, und nicht einmal damit drangen wir durch.«

Er habe per Briefwahl für die FDP gestimmt. Das sei die einzige Partei, die sich wirklich für ein progressiveres Familienbild einsetze und dafür, Kindern auch in Trennungskonflikten den Kontakt zu beiden Eltern zu erhalten, sagt Dringenberg. So wie ihm geht es auch anderen Wählern: Sie sympathisieren eigentlich mit Grünen, Union, SPD oder den Linken. Doch wegen deren Familienpolitik wählen sie die Liberalen.

»Keine andere Partei macht ein seriöses Angebot für Väter, die sich in ihren Familien engagieren wollen und dabei nicht selten von der Mutter ausgebremst werden«, sagt Stefan Margold*, Mitarbeiter eines Bundesministeriums, der früher bei den Grünen aktiv war, inzwischen aber ausgetreten ist. »Bei den Parteien von Union bis Linke sehe ich ein antiquiertes Rollenverständnis, dass das Kind bei der Mutter besser aufgehoben sei. Es schmerzt mich, dass ausgerechnet die Grünen nicht klarer Stellung beziehen gegen die Diskriminierung von Vätern.«

Was brauchen Kinder aus Trennungsfamilien, um gut aufwachsen zu können? Sollen sie ein festes Zuhause bei einem Elternteil haben, und den anderen Elternteil nur besuchen? Oder sollen sie regelmäßig zwischen zwei Wohnsitzen hin- und herpendeln, damit sie beide Eltern möglichst oft sehen? Und was bedeutet die zweite Variante für Freunde, Schule und Hobbys, wenn die Eltern nicht nah beieinander leben?

Es ist ein sensibler und emotional diskutierter Themenbereich, über den Parteien, Elternverbände, Müttergruppen und Vätervereine heftig streiten. Konkret dreht sich der Konflikt so kurz vor der Wahl um folgende Punkte:

Das Sorgerecht

Sind die Eltern nicht verheiratet, erhält die Mutter derzeit bei der Geburt das alleinige Sorgerecht fürs Kind. Der Vater kann es bekommen, wenn beide Eltern eine gemeinsame Erklärung abgeben. Falls das schwierig ist, weil sie sich nicht gut verstehen, bleibt ihm nur der Weg vor ein Gericht.

Die FDP will das ändern. In einem Zehnpunkteplan, den die Bundestagsfraktion im Januar beschlossen hat, heißt es: »Zur Erlangung des gemeinsamen Sorgerechts soll künftig eine einseitige Erklärung des Vaters ausreichen. Auf einen erklärten Widerspruch der Mutter hin kann das Familiengericht die gemeinsame Sorge nur verwehren, wenn diese im Ausnahmefall dem Kindeswohl widerspricht.«

Eine Gruppe aus Familienrechtsexperten und -expertinnen hatte dem SPD-geführten Bundesjustizministerium im Herbst vor zwei Jahren ebenfalls nahegelegt, auch unverheirateten Vätern automatisch das Sorgerecht zu geben. Doch in dem Gesetzentwurf, den das Ministerium ein Jahr später vorlegte, steht davon nichts. »Es gibt Sondersituationen, etwa wenn Gewalt ausgeübt wurde. Es ist nicht zumutbar, dass die Mutter in einem solchen Fall erst ein Gericht anstrengen muss, um allein sorgeberechtigt zu sein«, sagte Ministerin Christine Lambrecht der »Welt«.

 

In den Wahlprogrammen von SPD, Grünen, CDU und Linken ist vom Sorgerecht für unverheiratete Väter keine Rede. »Von Geburt an, ohne die Umstände der Zeugung zu berücksichtigen, ist das mit uns nicht zu machen«, sagt die Grünenabgeordnete Katja Keul. »Das Kind sollte zwar erfahren dürfen, wer sein Vater ist. Dass der mutmaßliche Erzeuger jedoch einen Auskunftsanspruch gegen die Kindesmutter gerichtlich durchsetzen kann, greift zu weit in deren Persönlichkeitsrechte ein.«

Solche Aussagen ärgern Ulf Hofes. »In vielen Köpfen steckt das Klischee des Vaters als gewalttätiger Unterhaltspreller, vor dem die armen Alleinerziehenden zu schützen sind«, sagt der 53-Jährige, Vater und Grünenmitglied aus Gelsenkirchen, der am Wahlsonntag ebenfalls für die FDP stimmen will. »Wenn die Grünen weiterhin blockieren, dass mehr Väter Verantwortung für ihre Kinder übernehmen können, schaden sie damit nicht nur den Kindern, sondern auch den Frauen. Die können sich beruflich schlecht verwirklichen und der drohenden Altersarmut entkommen, solange die Betreuungsarbeit zwischen den Eltern so ungleich verteilt ist.«

Jedes Jahr erleben bundesweit rund 120.000 minderjährige Kinder, dass sich ihre Eltern scheiden lassen. Hinzu kommen die Kinder von Paaren, die nicht verheiratet waren und sich trennen, sie sind in keiner Statistik erfasst. Wenn Eltern hierzulande auseinandergehen, kümmert sich danach meist einer vorwiegend um die Kinder – und der andere zahlt Unterhalt. Dieses sogenannte Residenzmodell ist zurzeit der Regelfall, an dem sich das Gesetz orientiert.

Das Wechselmodell

Nur wenige Kinder leben im Wechselmodell, also abwechselnd bei beiden Eltern. Nicht nur Väterverbände fordern, dieses Modell zu stärken, um gegen überholte Rollenverständnisse in den Gerichten und Behörden anzugehen und eine gleichberechtigtere Elternschaft zu fördern. Auch die Parlamentarische Versammlung des Europarats hat ihre Mitgliedstaaten und somit auch Deutschland aufgefordert, das Wechselmodell als Standard zu setzen.

Politisch tritt dafür derzeit nur die FDP ein, die es als gesetzliches Leitbild verankern will. »Viele Eltern möchten die Kinder auch nach der Trennung gemeinsam erziehen. Die Politik muss die gesetzlichen Rahmenbedingungen hierfür schaffen und insbesondere vorsehen, dass Erziehungs- und Unterhaltsverantwortung gemeinschaftlich ausgeübt werden, wenn das Kindeswohl dem nicht entgegensteht«, heißt es in ihrem Wahlprogramm.

Alle anderen großen Parteien planen keinen solchen Schritt. »Wir wollen als Gesetzgeber keine Modelle festschreiben. Die Familiengerichte sollen weiterhin das individuelle Kindeswohl zum Maßstab nehmen«, sagt Grünenpolitikerin Keul. »Natürlich wünschen wir uns, dass die Betreuungsarbeit in den Familien hälftig aufgeteilt ist. Das sollte aber nicht erst nach der Trennung gelten, sondern auch schon vorher.«

Ähnlich argumentiert Sönke Rix, familienpolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion. »Es stimmt, dass das Familienrecht noch zu stark auf die Mutter ausgerichtet ist«, sagt er. »Doch die Gerichte können das Wechselmodell anordnen. Damit sie es öfter tun, würde ich mir mehr Fortbildungen für Richterinnen und Richter wünschen. Aber ein bestimmtes Modell gesetzlich vorzugeben, ist nicht der richtige Weg.«

Rainer Werner, IT-Berater aus Stolberg bei Aachen, kümmerte sich zwei Jahre lang paritätisch um seine zwei älteren Kinder. Dann habe er einen Tag und eine Nacht in der Woche an seine Frau abtreten müssen, aus beruflichen Gründen. Prompt sei er zur Zahlung des vollen Unterhalts verpflichtet gewesen, rund 1200 Euro im Monat. Das Gehalt seiner Frau habe bei der Berechnung keine Rolle gespielt. »Das habe ich als sehr ungerecht empfunden«, sagt der 51-Jährige.

Werner sagt, er fühle sich bei den Grünen mit ihrer Klima-, Wirtschafts- und Auslandspolitik gut aufgehoben. Trotzdem wähle er diesmal die FDP. »Die anderen Parteien verstecken sich gern hinter der unlösbaren Frage, welches Betreuungsmodell für Kinder generell am besten ist«, sagt er. »Aber viel wichtiger wäre es doch, den Kindesunterhalt gerechter zu berechnen, damit Mütter sich nicht dagegen sperren, Betreuungszeit abzugeben, nur weil sie den Unterhalt nicht verlieren wollen.«

Das Unterhaltsrecht

Dass das Unterhaltsrecht reformiert werden muss, sehen auch SPD, Union und Grüne. Das Justizministerium wollte das eigentlich anschieben, doch daraus wurde bisher nichts. »Hier ist eine sehr umfassende Reform nötig, die zum Beispiel auch das Steuerrecht tangiert. In der verbleibenden Zeit dieser Legislaturperiode ist das nicht zu schaffen«, sagte Ministerin Lambrecht im vergangenen September der »Welt«.

Das Thema ist politisch höchst unpopulär, weil eine Reform nicht zulasten von hauptsächlich erziehenden Müttern gehen soll, die ohnehin beruflich und finanziell zu kämpfen haben. Die Gruppe der Alleinerziehenden und ihrer Kinder ist statistisch gesehen viel häufiger von Armut bedroht als Kinder, die mit beiden Eltern aufwachsen.

»Wir brauchen eine Reform, die die tatsächlichen Familienverhältnisse besser beachtet als bisher«, sagt SPD-Familienpolitiker Sönke Rix. Grünenpolitikerin Keul fügt an: »Die derzeitige Praxis fördert nicht den Konsens und führt zu Streit. Darüber müssen wir uns Gedanken machen.« Steuervorteile für unterhaltspflichtige Eltern seien denkbar, oder Zuschüsse für »besonders bedürftige Umgangsberechtigte«, um ihren Mehraufwand für die Betreuung abzufedern. »Der Mindestunterhalt muss jedoch immer gewährleistet bleiben.«

Die FDP sieht das anders. »Wenn beide Eltern gleichviel verdienen und sich beide um die Kinder kümmern, soll niemand Unterhalt zahlen«, sagt Katrin Helling-Plahr, die sich in der Partei um familienrechtliche Themen kümmert. »Nur wenn die Lebensverhältnisse sehr unterschiedlich sind oder wenn ein Elternteil die Kinder ausschließlich betreut, soll es Ausgleichszahlungen geben.«

Das Abstammungsrecht

Es gibt noch einen weiteren Grund, der einige Väter zur FDP treiben könnte: SPD, Grüne und Linke wollen das Abstammungsrecht so reformieren, dass in lesbischen Partnerschaften mit Kindern die Co-Mutter automatisch als zweiter rechtlicher Elternteil gilt, egal ob das Kind mit einer anonymen Samenspende oder von einem Mann gezeugt wurde, der sich an der Erziehung beteiligen möchte.

Schwule Väter fürchten, dass sie dann noch leichter aus dem Leben ihrer Kinder gedrängt werden können. »Ich finde es richtig, Frauenpaare zu stärken, aber ich habe besonders bei den Grünen den Eindruck, dass dafür die Anliegen leiblicher Väter unreflektiert geopfert werden«, sagt ein Vater Anfang 50, der mit einer lesbischen Frau gemeinsam ein Kind erzieht.

Die FDP berücksichtigt leibliche Väter in ihrem Wahlprogramm: »Die Ehefrau der leiblichen Mutter soll von Geburt an automatisch rechtlich zweite Mutter sein, wenn das Kind mit Hilfe einer nicht-gerichteten Samenspende gezeugt wurde oder der leibliche Vater anderweitig Einvernehmen erklärt hat.«

»Ich würde lieber die Grünen wählen, weil ich ihre Klima- und Umweltpolitik, ihre Verkehrspolitik und ihre Zuwanderungspolitik gut finde«, sagt Ministeriumsmitarbeiter Stefan Margold*. »Ich muss selbst schlucken, dass ich nun stattdessen für die FDP stimme. Doch ich will, dass sich an dem gesellschaftlichen Bild, das wir von Vätern haben, endlich etwas ändert.«

*Der Name wurde geändert, der reale Name ist der Redaktion bekannt.

 


 

»Ich meine, dass es absolut korrekt ist, wenn eine Mutter (...) damit in Altersarmut landet. Dummheit schützt vor den Folgen nicht.«

[Franzjörg Krieg 19.09.2021 "Familienrechtspolitischer Totalschaden"]